Lauter schreien als das Kind? Es geht auch anders.

Aichacher Erziehungsberaterin Elena Passavant gibt Eltern Tipps, wie sie bei Auseinandersetzungen mit ihrem Kind reagieren können.
Ich sehe dich und deine Bedürfnisse: Konfliktsituationen lassen sich besser bewältigen, wenn Eltern und Kind dabei in Verbindung bleiben. Foto: Adobe Stock
22. Februar 2024

„…noch eine Folge gucken!“, „Nein!“, „Will aber!“, „Ich sagte NEIN!“ – Gespräche wie dieses kennen viele Eltern nur zu gut. Kleine und größere Konflikte gehören mit Beginn der Autonomiephase im Alter von circa zwei Jahren und über die Pubertät hinweg zum Erziehungsalltag dazu. „Für die meisten Eltern sind die vielen kleinen Diskussionen kräftezehrend und ermüdend. Sie fragen sich, warum das Kind nicht einfach kooperieren kann“, sagt Elena Passavant von der KJF Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung Aichach-Friedberg, die zur Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e. V. (KJF Augsburg) gehört. „Für die Entwicklung der Kinder ist es entscheidend, frühzeitig als eigenständiger Mensch mit eigenen Ideen, Wünschen und Bedürfnissen gesehen zu werden und innerhalb eines Rahmens autonom handeln zu können“, erklärt die Erziehungsberaterin. Fühlen Eltern sich in konfliktreichen Situationen überfordert und werden wütend, endet die Auseinandersetzung oftmals in Stress, Geschrei und Tränen. Was können Eltern stattdessen tun?

Bedürfnisorientiert kommunizieren

„Schauen Sie auf die Bedürfnisse von Ihnen und Ihrem Kind, die im Streit aufeinandertreffen und sich in aufkommenden Gefühlen äußern. Sehen Sie die Gefühle als Wegweiser zu darunterliegenden Bedürfnissen“, rät Elena Passavant. Fühlen sich Kinder von den Eltern verstanden, können sie eher kooperieren. Kinder wollen beitragen und haben oft erstaunlich kreative Vorschläge, wie die Bedürfnisse aller berücksichtigt werden können. „Zudem besteht die Herausforderung für Eltern, unangenehme Gefühle der Kinder wie Frust, Wut oder Traurigkeit auszuhalten. Es ist wichtig, diesen Gefühlen der Kinder Raum zu geben, damit diese lernen mit ihnen umzugehen“, so die Erziehungsberaterin. Sie gibt Eltern den Tipp: „Nehmen Sie sich auch einen Moment Zeit, zu hinterfragen, worauf Ihre Gefühle Sie hinweisen wollen und was Sie gerade brauchen. So können Sie Ihre Gefühle und die Ihres Kindes leichter auseinanderhalten und vielleicht direkt aus der Eskalationsschleife aussteigen.“

Folgende Tipps können Ihnen als Eltern dabei helfen, in Konfliktsituationen Verbundenheit zu schaffen und zu einem Ausgleich sehr unterschiedlicher Bedürfnisse zu finden:

  • In sich und das Kind einfühlen: Nehmen Sie sich einen Moment, hinter die Gefühle zu schauen und zu erkennen, welche Bedürfnisse bei Ihnen und bei Ihrem Kind verletzt sind.
  • Bedürfnisorientiert sprechen: Gehen Sie möglichst wertneutral und wertschätzend auf Ihr Kind zu. Hören Sie Ihrem Kind zu und vermeiden Sie, zu verurteilen und zu interpretieren. Versuchen Sie, die zugrundeliegenden Bedürfnisse des Kindes zu ergründen und diese für Ihr Kind zu formulieren.
  • Gemeinsam lösen: Beziehen Sie Ihr Kind in die Lösungssuche ein, zum Beispiel indem Sie sich die Vorschläge des Kindes anhören. Dadurch fühlt sich das Kind zugehörig und lernt, zur Problemlösung beizutragen.
  • Wortschatz vergrößern: Erweitern Sie Ihren Gefühls- und Bedürfniswortschatz mit der Zeit, um in stressigen Konfliktsituationen einfacher erkennen und benennen zu können, um welche Bedürfnisse es geht. So merken Sie zum Beispiel sofort, wenn das Kind noch eine Folge schauen will: „Aha, ich habe das Bedürfnis mein Kind zu schützen“ und „Du hast das Bedürfnis nach Freude und Spaß durch eine weitere Folge.“

Mit diesen Mitteln können Eltern auch in Streit und Konfliktsituationen mit ihren Kindern in Verbindung bleiben und ihnen zeigen, dass sie den Wunsch oder das Bedürfnis sehen, auch wenn sie es gerade nicht erfüllen können oder wollen.

Unterstützung in Ihrer Nähe
In Aichach und Kissing sowie an über 25 weiteren Orten in Schwaben, im Allgäu und im Bayerischen Oberland helfen die Erziehungs-, Jugend- und Familienberater*innen der KJF Augsburg bei allen Fragen rund um Erziehung und Familienalltag unkompliziert und kostenfrei weiter. Sie unterliegen der Schweigepflicht.

KJF Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung Aichach, Schlossplatz 5, 86551 Aichach, Telefon: 08251 204040, E-Mail: eb.aichach@kjf-kjh.de. Mit Außenstelle in Kissing.
Zusätzlich kann die anonyme Onlineberatung unter www.caritas.de/onlineberatung genutzt werden.

Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung der KJF Augsburg
Im Regierungsbezirk Schwaben bietet die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e. V. (KJF Augsburg) fast flächendeckend Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungen an. Auch im angrenzenden Bezirk Oberbayern sind die Berater*innen im Landkreis Weilheim-Schongau präsent. Aktuell sind die Fachberater*innen der KJF Augsburg jährlich mit rund 18.000 Personen im direkten Beratungskontakt.

Besondere Beratungen wie Schreibabyberatung oder „Kinder im Blick“-Kurse für Elternteile in Trennung gehören in zahlreichen Landkreisen zum Angebot – über klassische Erziehungsberatung hinaus. In fünf Landkreisen gibt es explizit eine Fachstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Alle Standorte und Ansprechpersonen der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung der KJF Augsburg finden Sie auf der Website der KJF Kinder- und Jugendhilfe.